Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges waren die Siegermächte darauf aus, die Besiegten gezielt zu demütigen. Die so genannten „Friedensverhandlungen“ waren faktisch Friedensdiktate, bei denen die Besiegten nicht in die Verhandlungen einbezogen wurden. Stattdessen fanden gezielte Polarisierung, Emotionalisierung und Demütigung statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten die Siegermächte einen Strategiewechsel vornehmen und nach der Kapitulation eine Umarmungstaktik einnehmen.
Kriege enden theoretisch durch Kapitulation, durch eine militärische Pattstellung oder durch Interventionen Dritter.
Eine Kapitulation, bei welcher eine Kriegsmacht anerkennt, geschlagen zu sein, ist eher selten. Die Mittel, die einzusetzen sind, um eine Kapitulation herbeizuführen, verursachen Kosten und Kollateralschäden, die häufig in keiner Relation zum eigentlichen Nutzen stehen. Hinzu kommen asymmetrische Kriegsführungen, die durch Verlagerung der Auseinandersetzung in das Irreguläre kaum zu gewinnen sind. Vielfach geht es im Sinne der Fortsetzung des Krieges ohnehin nur noch darum, den Gesichtsverlust zu verhindern.
Realistischer ist eine Pattstellung, innerhalb welcher sich aus der Erschöpfung der kriegsführenden Mächte heraus die Notwendigkeit ergibt, ein Friedensabkommen abzuschließen. Ein notgedrungenes Friedensabkommen ist dabei aber noch lange kein nachhaltiger und stabiler Frieden, sondern birgt das Risko, neue Konflikte aufflackern zu lassen. Vielfach kommt es auch gar nicht zu einem Friedensabkommen, sondern es bleibt bei einem Waffenstillstand oder der Konflikt wird (vorübergehend) eingefroren.
Interventionen Dritter können Kriegsparteien empfindlich schädigen und zur Kapitulation zwingen, insofern nicht genügend Resilienz gegeben ist. Einwirkende Dritte können allerdings auch auf diplomatischer Ebene den notwendigen Druck ausüben und eine Verhandlung erzwingen.
Jörn Leonhard ist der Meinung, dass Kriege hauptsächlich dann enden, wenn sich beide kriegsführenden Mächte von einer Fortsetzung des Krieges keine Vorteile mehr erwarten. In diesem Sinne steht Leonhards Argumentation in Analogie zu den Thesen Herfried Münklers, der die Ökonomie von Kriegen zeichnet [2].
Für Jörn Leonhard müsse sich vorerst die Erkenntnis einstellen, dass eine Weiterführung des Konflikts keine Vorteile mehr bringe. Daraus folge anhand historischer Beispiele die Vermittlung und Diplomatie sowie eine Friedensverhandlung, die allerdings nur dann einen nachhaltigen Frieden verwirkliche, wenn über die Friedensverhandlung hinaus ein Friedensprogramm absehbar sei.
Der Haken an der Sache ist, dass beide kriegsführenden Parteien die Aussichtlosigkeit des Krieges anerkennen müssten. Vielfach spekuliert die eine Seite auf die Aussichtslosigkeit der anderen Seite und erhofft sich dadurch einen strategischen Vorteil. Am Beispiel Ukrainekrieg spekuliert die Ukraine auf einen Abnützungskrieg Russlands sowie auf innenpolitische Spannungen, die aus einem langanhaltenden Krieg entspringen, während Russland auf eine Zersplitterung der westlichen Mächte setzt. In diesem Sinne setzen beide Seiten auf die Strategie Georges Clemenceaus, „dass derjenige den Krieg gewinne, der eine Viertelstunde länger aushalte“. Es findet folglich der Wettlauf um den längeren Atem statt.
Wesentlich ist es, in einem rechtlich geordneten Rahmen zu wirken und objektive Lösungen anzustreben, die allen Seiten zugute kommen. Darin besteht das Dilemma der Verhandlungen, dass letztlich ein Zustand angestrebt werden muss, der alle Parteien befriedigt, was auf den ersten Blick aussichtlos erscheint, aber im Rahmen der Prinzipien der „Harvard-Methode“ möglich ist.
Demütigungen ist gezielt vorzubeugen. Es geht darum, vorbereitende Verhandlungen in kleinem Kreis auf Vertrauensbasis zu führen, die langfristig Frieden und Gerechtigkeit auf breiter Basis garantieren.
Daraus folgend sind gemeinsame Interessen oder zumindest Interessen, die sich gegenseitig nützen, zu entwickeln und gemeinsam zu verfolgen. Die Perspektive einer Win-Win-Situation wirkt als Schlüssel zur Konfliktbeendigung, bedingt allerdings auch, dass ein konstruktiver Zugang besteht.
Die vielfach unangenehme Wahrheit ist, dass Positionen anzustreben sind, die nicht als „Sieg“ oder „Niederlage“ zu betiteln sind, sondern im Zwischenraum liegen.
Literatur:
[1] Jörn Leonhard: „Über Kriege und wie man sie beendet“, CH Beck, München 2023
[2] Herfried Münkler: „Die neuen Kriege“, Rowohlt, Hamburg 2004


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