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Südtiroler Fußball-Bekenntnisse: Deutschland oder doch Italien?

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Fußball ist der wohl beliebteste Sport und immer eine zutiefst emotionale Angelegenheit. Selbstverständlich sollte Sport grundsätzlich keine politische Angelegenheit sein. Zumindest trifft das auf Club-Wettbewerbe zu. Bei Nationalmannschaften ist die Angelegenheit komplizierter gestrickt.

Nationalmannschaften treten als Auswahl ihres Staates an; der Begriff der „Nation“ ist ja im Deutschen in Bezug auf einen Staat nur beschränkt zutreffend. Die Nation ist im Deutschen eine Kulturnation und keine Staatsnation, wie etwa im Französischen oder Italienischen.

Als Auswahl ihres Staates stehen die Nationalmannschaften unter staatlichen Hoheitssymbolen. Staatliche Hoheitssymbole sind in der Regel Staatsflagge, Staatswappen und Nationalhymne. Bei wichtigen Fußballspielen der Nationalmannschaften sind die Staatsoberhäupter sowie weitere Regierungsvertreter anwesend. Die strikte Trennung von Sport und Politik ist in einer derartigen Konstellation kaum möglich, kaum glaubwürdig und auch nicht zutreffend.

In unserer gegenwärtigen Zeit und im modernen Fußball ist die Angelegenheit noch einmal anders gestrickt. Fußball-Millionäre tendieren immer seltener zum Club ihres Herzens, sondern zum Club, der am meisten bezahlt. Wenn Fußballer dann verkünden, sie hätten immer schon in Paris, Manchester oder Katar spielen wollen, dann ist das keine sportliche, sondern eine finanzpolitische Angelegenheit. Hinzu kommen millionenschwere Werbeverträge mit Konzernen.

Nationalmannschaften bleiben von dieser Entwicklung kaum verschont. In Zeiten globaler Migration und einer Spielberechtigung für mehr als eine Nationalmannschaft, tendiert der einzelne Fußballer nicht selten zu jener Mannschaft, die die meisten persönlichen Vorteile verspricht. Dass das alles dann schließlich keine Identifikationsfrage mehr ist, ist mehr als deutlich. Daraus ergeben sich vielfältige Dissonanzen, die auch und vor allem den Fußball-Fan betreffen.

Aus heutiger Sicht spricht viel dafür, sich überhaupt nicht mit Fußball zu beschäftigen. Selbstverständlich kann man sich dem Fußball ein Stück weit entziehen; allerdings ist das in einer ereignisfokussierten Öffentlichkeit nur beschränkt möglich. Will man sich dem Fußball-Trubel dann nicht ganz entziehen, dann drängt sich notgedrungen die Frage auf, für welche Mannschaft das eigene Herz schlagen soll.

Was einleitend besticht: Kein Italiener kommt in der Regel auf die Idee, sich zu einer Mannschaft zu bekennen, die nicht die italienische ist.

„Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ‚was ist deutsch‘ niemals ausstirbt“ schreibt Friedrich Nietzsche und bringt das deutsche Dilemma damit auf den Punkt. Dieses deutsche Dilemma schlägt sich in einem ausgeprägten Nicht-deutsch-sein-Wollen nieder. Die deutsche Scham vor der eigenen Identität wird in der Folge durch die ausgeprägte Sehnsucht nach anderen Ländern genährt, die wohl erstmals in der Romantik entsteht. Daraus folgend ergibt sich die verspielte deutsche Tendenz, zu glauben, man könne sich das Trikot, sagen wir der spanischen Nationalmannschaft, überstülpen und man sei dadurch ein „Latin Lover“. Schön wäre es.

In Südtirol ist die Angelegenheit brisanter. Während kein Italiener in Italien – und schon gar nicht in Südtirol – auf die Idee kommen würde, sich nicht zur italienischen Nationalmannschaft zu bekennen, ist die Angelegenheit auf deutscher und ladinischer Seite komplex und verstrickt.

Der eine Teil macht es sich in Südtirol einfach, sagt, Italien würde im Reisepass stehen, also käme gar nichts anderes in Frage. Eine derartige Haltung geht von wenig individueller Autonomie aus, sondern ordnet sich den Umständen unter, wie auch immer diese gelagert sind, und es fragt sich, ob sich im Falle einer politischen Änderung im Großen auch das Bekenntnis zur Nationalmannschaft ändern würde. Aber gut, dazu wäre schon einmal ein bestimmtes Maß an Reflexionsfähigkeit notwendig, die trivialerweise vielfach nicht gegeben ist.

Faktisch beweisen unzählige europäische Staatsbürger mit Migrationshintergrund, dass der Pass als Bekenntnis zu einer Nationalmannschaft nachrangig bis unbedeutend ist.

Andererseits könnte man auch behaupten, der italienische Fußball sei der „schönste“. Das Problematische an dieser Haltung ist, dass diese „Schönheit“ phasenweise in keiner Weise zutrifft und die entsprechende Haltung folglich mehr Ausrede als Überzeugung ist. Vielleicht bezieht sich diese „Schönheit“ ja auch gar nicht auf den Sport, sondern auf den italienischen „Stile di vita“ und wäre dann auf jeden Fall keine sportliche, sondern eine identitäre Haltung.

Abseits dessen kann es natürlich Südtiroler geben, die sich identitär zum italienischen Staat und zur italienischen Nation bekennen. Mit Blick auf die „echte“ italienische Nation kommen diese Südtiroler dann aber regelmäßig in Erklärungsnot. Und die „echte“ italienische Nation ist gegenüber den „Beute-Italienern“ auch relativ skeptisch. Auf jeden Fall handelt es sich dabei aus italienischer Sicht um recht exotische „Italiener“.

Was zudem besticht, ist, dass gerade im so genannten „interethnischen“ Umfeld in Südtirol, also dort, wo man zumindest nach außen hin behauptet, man würde zwischen dem Deutschen und dem Italienischen stehen, in aller Regel fast ausnahmslos ein Bekenntnis für Italien zutrifft. Ob es sich dabei einfach nur um den Weg des geringsten Widerstandes, um den trivialen Bezug auf den Reisepass oder um eine insgeheime identitäre Festlegung handelt, von der man behauptet, eine solche wäre im „Interethnischen“ obsolet, kann letztlich nur der Betroffene selbst beantworten.

Im Zweifel könnte man sich immer auch zu einem sportlichen Außenseiter, sagen wir Island, bekennen, und würde damit ohnehin jeder unangenehmen Nachfrage entgehen. Vielfach handelt es sich dabei um eine Kultivierung der Mutlosigkeit und um einen Vorwand, der allerdings faktisch nicht zutreffend ist.

Bekenntnisse zu Deutschland sind wohlgemerkt stets problematisch. Am einfachsten wäre wiederum, zu behaupten, der deutsche Fußball sei der „schönste“, was wiederum kaum glaubwürdig ist. Andersherum könnte man sich auch einfach nur über den FC Bayern München oder andere deutsche Clubs herausreden, wobei dann natürlich die Folgefrage entsteht, woher denn das Bekenntnis zum FC Bayern München resultiert. Zufall ist eine Option, wenngleich keine wahrscheinliche.

In einer Situation, in der Österreich an Fußballbewerben antritt, eröffnen sich für das Bekenntnis zu Deutschland ohnehin Problematiken. Einfacher wäre wiederum zu behaupten, Österreich sei das „Vaterland“ der Südtiroler, folglich zeige die Präferenz nach Österreich. Sollte allerdings Österreich an einem Wettbewerb nicht antreten und sich nicht qualifizieren oder früh scheitern, wird es schwierig.

In einer solchen Situation behaupten die Anhänger des italienischen Fußballs in Südtirol, man „müsse“ sich in der Folge zur italienischen Nationalmannschaft zugehörig fühlen, wenn schon nicht Österreich zur Verfügung stehe. Grundsätzlich „muss man“ gar nichts. Darüber hinaus würden diejenigen, die dermaßen argumentieren, immer für Italien und gegen Österreich optieren. Man muss einfach schlicht festhalten: Es gibt in Südtirol wirklich ausgeprägte Identifikation mit der Republik Österreich, was an den zahlreichen historischen Verwerfungen liegt.

Die Donaumonarchie Österreich-Ungarn war historisch betrachtet wohlgemerkt mehr Problem als Lösung und die heutige Republik Österreich hebt die deutsche Sprach- und Kulturnation nicht außer Kraft, sondern ist ein Teil davon.

Am verpöntesten ist ohnehin die eigentlichste Haltung. Zu sagen, Südtirol und Tirol seien historisch im Rahmen der deutschen Nationalhymne sowie der Heranbildung der deutschen Nationalflagge mitgemeint und aufgrund der Sprache und Kultur selbstverständlich ein Teil der deutschen Nation, ist eine Haltung, die nicht in die heutige Zeit passt, zu der viel individueller Mut gehört, die politisch verpönt und verfemt ist und die auch durch das österreichische Ressentiment gegen Deutschland kontrastiert wird. Wobei zu diesem Ressentiment zu sagen ist, dass Österreich und die Bundesrepublik Deutschland durch die gemeinsame Sprache „getrennt“ sind.

Würde man die italienische Attitüde mit den Nationalheiligen des „Risorgimento“, die in zahlreichen italienischen Städten und mit Vorliebe auch in Südtirol sakralisiert wird, aufs Deutsche ummünzen, würde sich daraus folgend ein ganz selbstverständliches kulturelles Bekenntnis zu Deutschland ergeben. Die Italiener forcierten im Risorgimento den Nationalstaat kraft Sprache und Kultur und wollten sich mit keinem italienischen Teilstaat zufrieden geben.

Wenn die Italiener im Fußball ihre Nationalhymne singen und sich zu ihrer Trikolore bekennen, dann ist das ihr politisches Bekenntnis zu einem Nationalstaat kraft Sprache und Kultur und eine prinzipielle Ablehnung jeder politischen Variante, die nicht die ganze Nation umfasst; und freilich in Bezug auf Südtirol inkonsequent ist.

Der zeitgemäße, kritische Informationsbürger könnte allen diesen Einwänden entgegenhalten: „Nerv mich nicht mit Fakten“. Hinterfragen ist aus liberaler Sicht prinzipiell fragwürdig, weil die Doktrin „Anything goes“ vermeintlich für alles offen ist. Faktisch stimmt das aber auch nicht ganz: Mit dem „Anything goes“ ist vielfach nur die „Freiheit“ gemeint, sich der bestimmenden Meinung gefälligst anzuschließen.

Südtiroler, die sich nicht zu Italien bekennen, ernten in der Regel italienisches Naserümpfen bis hin zur beleidigten Empörung. Wobei sich ohnehin die Frage stellt, inwiefern es eine Nation notwendig hat, Menschen, die objektiv betrachtet nicht zu dieser Nation gehören, in diese Nation drängen zu wollen. Wer auf der anderen Seite diese italienische Attitüde, die links oder rechts oder mittig ist, als „faschistisch“ bezeichnet, hat Nachhilfe in Ideengeschichte nötig.

Heute ist die Nation im europäischen Kontext freilich nicht mehr politisch dominierend. Nationalstaaten relativieren sich zunehmend selbst. Die Zeit der Konstituierung von Nationalstaaten ist objektiv betrachtet vorbei. Debatten über politische Grenzen haben einen sehr schwierigen Stand, sind aber in einem demokratischen Diskurs stets zulässig.

Ein Bekenntnis zu einer Nation ist mehr eine identitäre als eine politische Angelegenheit, und – im Europa von heute – berechtigter denn je.

Letztlich gilt im Fußball: Den eigenen Präferenzen nachgehen und es tunlichst vermeiden, anderen damit auf den Geist zu gehen.

3 Antworten zu „Südtiroler Fußball-Bekenntnisse: Deutschland oder doch Italien?“

  1. Avatar von Jörg Godglück
    Jörg Godglück

    Es gibt wahrlich wichtigere Probleme auf der Welt als solch eine „Gänseblümchen-Diskussion“ die keinen Nutzen hat außer neue Diskussionen über „Nationalgeplänkeleien“ zu entfachen.

    Absolut unwichtig.

    Es gibt im italienischen Nationalteam offenbar etliche Südtiroler denen beim Blick auf ihre sportlichen Erfolge und ihren Kontostand bzw.Lob und Ehrungen aus staatlicher Richtung dieser Pillipalle oafoch Wurscht is.

    Und wurscht ist des a, außer irgendoaner hot ma wiada Luscht si zu profilieren….

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  2. Avatar von Michael Demanega

    Danke für den Kommentar und die inhaltliche Debatte.

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  3. Avatar von Jannik Sinner: Sport, Erfolg, Identität – Demanega

    […] Südtiroler Fußball-Bekenntnisse: Deutschland oder doch Italien? […]

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