In einer Welt, die von Spaltungen und Krisen geprägt ist, ist Patriotismus ein Drang zur Einheit.
Im Sinne der Kritischen Theorie ist ein „Verfassungspatriotismus“ hingegen im Abstrakt-Utopischen zu verorten. Verfassungspatriotismus ist ein Konzept, das auf Jürgen Habermas zurückgeht und eine vermeintliche Form des Patriotismus bezeichnet, die sich nicht primär auf ethnische oder kulturelle Identitäten stützt, sondern auf die Werte und Prinzipien einer Verfassung sowie eines abstrakten Gesellschaftsvertrages und in einer hypothetischen Vereinbarung oder Übereinkunft zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft besteht, um eine politische Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten. In der Praxis bleibt es beim Hypothetischen, wie die zunehmenden Konflikte in dieser Welt beweisen, die durch den Verfassungspatriotismus eher noch angeheizt werden.
Dass der Verfassungspatriotismus scheitert, liegt grundsätzlich auf der Hand, handelt es sich nämlich um ein akademisches Prinzip fragwürdiger Herkunft, das keinen Bezug zu den Subjekten des Patriotismus, den Bürgern, findet und stattdessen das Eigentliche, die kulturelle Identität, kontrastiert, was nur in einer abstrakten und in keiner realen Welt denkbar ist. Echter Patriotismus entsteht hingegen aus einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das vorpolitisch verankert ist und auch sein muss.
Der Soziologe Karl Otto Hondrich kontrastiert fragwürdige Ilusionen von Verfassungspatriotismus: „Selbst wenn ganz neue Bindungen freier Wahl verfügbar wären, haben Herkunftsbindungen ihnen gegenüber den Qualitätsvorsprung des Schon-da-seins, des vorgängigen, nicht-gewählten, nicht-wählbaren, aber deshalb auch nicht abwählbaren Zugehörigkeit“ . Herkunftsbindungen bilden die Selbst-Sicherheit, die wir in dieser Welt brauchen, um uns frei zu entfalten, weil wir im Bewusstsein behalten, wo wir hingehören: „Es ist Übereinstimmung, die Kraft verleiht, und Übereinstimmung kommt zuallererst aus gemeinsamer Herkunft“ [1].
Patriotismus bedeutet nicht nur, stolz auf die Geschichte und Kultur eines Landes zu sein, sondern auch ein Gefühl der Verbundenheit und Solidarität zu empfinden und sich in der Folge für das Gemeinwohl einzusetzen und ein Gemeinwesen zu organisieren. Unbestritten ist die Fähigkeit des Patriotismus, Menschen zu vereinen. Patriotismus verstärkt Gemeinschaftsgefühle, projiziert diese auf ein gefühltes und bewusstes Ganzes und kann dazu beitragen, dass Menschen über ihre Unterschiede hinwegsehen und gemeinsame Ziele verfolgen, vor allem im Politischen.
Indem Menschen stolz auf ihre Herkunft und ihr kulturelles Erbe sind, können sie sich mit anderen identifizieren und eine Gemeinschaft entwickeln. Karl Otto Hondrich stellt richtig fest, dass Solidarität nichts Willkürliches ist, sondern sich aus dem Ähnlichen ergibt. Patriotismus bildet das Bindeglied vom Ähnlichen zum Gemeinwesen und zum Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl einer Gemeinschaft oder Nation.
Patriotismus trägt dazu bei, die Geschichte eines Landes zu würdigen und Traditionen eines Landes zu bewahren. Daraus ergibt sich eine Kontinuität zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die wesentlich zur kulturellen Vielfalt und Identität beiträgt.
Patriotismus fördert darüber hinaus die wirtschaftliche Entwicklung und Prosperität eines Landes, da Wertschöpfung im Eigenen und Investition in das Eigene gefördert wird, daraus ergibt sich Attraktivität, die nach außen hin wirkt und anziehend ist.
Patriotismus fördert soziale Zusammenarbeit, das Zusammenhalten und die Solidarität innerhalb einer Gesellschaft. Wenn Menschen stolz auf ihr Land sind und sich mit ihren Mitbürgern verbunden fühlen, sind sie bereit, sich für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen und soziale Probleme gemeinsam anzugehen. Sie sind dann auch bereit, am Gemeinsamen zu arbeiten.
Patriotismus schafft politische Stabilität, indem egoistische Triebe und die individuelle Selbstverwirklichung in den Hintergrund und gemeinsame Ziele in den Vordergrund geraten. Dadurch wird Vertrauen der Bürger in ihre Regierung und Institutionen gestärkt. Eine stabile politische Umgebung schafft die notwendigen Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Entwicklung und für Wohlstand.
Patriotismus ist für ein funktionierendes Gemeinwesen, das in die Zukunft hin gerichtet ist, unverzichtbar. Allen Gesellschaftstheorien fragwürdiger Herkunft zum Trotz.
Literatur:
[1] Karl-Otto Hondrich: „Weniger sind mehr“, Campus-Verlag, 2007
[2] Karl-Otto Hondrich: „Der neue Mensch“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2001


Hinterlasse einen Kommentar