Valerio Olgiati und die „nicht-referenzielle Architektur“

Der Schweizer Architekt Valerio Olgiati hat die vielleicht treffendsten Gedanken zum zeitgenössischen Bauen aufgestellt. Dazu bemüht Olgiati den Philosophen Oswald Spengler, der Architekten die Fähigkeit attestierte, „früh dran zu sein“, wenn es darum gehe, ein kulturelles Phänomen zu verkörpern. Nicht zufällig bedeutet „Architektur“ wortwörtlich die erste Kunst. Architekten hätten folglich die „Fähigkeit zum ästhetischen Aufspüren“. Wobei diese Fähigkeit nicht nur an die Disziplin zu referieren ist, sondern diese Fähigkeit auch dem Bauingenieur gegeben sein muss. Weil einfache und effiziente Lösungen immer auch schön sind. Olgiati bemüht allerdings auch Nietzsche wenn er schreibt „Sein Fuß ist beflügelt“, und meint, dass die Gedanken, die sich im Bauen sublimieren, keine akademischen sind, sondern sehr wohl intellektuelle, sich aber von einem engen Ordnungsrahmen „befreien“.

Olgiati spricht von „nicht-referenzieller Architektur“ und meint in einer heutigen Zeit, in der alle Ordnungen und Werte in Frage gestellt sind, die einzig denkbare Form des Bauens. Valerio Olgiati geht es um Sinn. Gebäude sollen uns müssen in einer weitgehend sinnbefreiten Zeit sinnstiftend sein. Ihren Sinn haben sie durch sich selbst zu erzeugen. Dieser Ansatz ist „nicht-referenziell“, weil dieses Bauen den Sinn in sich selbst tragen soll und muss und es nicht angeht, dass der Sinn aus außer-architektonischen Referenzen bezogen wird.

Gebäuden, die heute weitgehend sinnbefreit in die Landschaft gestellt sind, sagt Olgiati die Beförderung von „Sprachlosigkeit“ nach, weil „es diesen Gebäuden an sinnstiftenden Ideen mangelt“ [1]. Grundsätzlich gibt es im zeitgenössischen Bauen die Tendenz, sich im Entwurf einfach treiben zu lassen. Das Gebäude wird entwurfstechnisch aus der Umgebung oder aus sonstigen Rahmenbedingungen heraus abgeleitet. Derartigen Entwürfen fehlt es immer an Sinnstiftung. Das gute Planen geht nämlich von einer Idee aus, die sich materialisiert und den Menschen folglich sinnstiftende Umgebungen bietet.

Bauen, richtig gedacht, bedeutet: „Räume machen den Sieg über die Materie erfahrbar. Aus diesem Sieg über die Materie des Materials bezieht das Gebäude seine sinnstiftende Funktion“ [1].

Das Wesentliche im Bauen ist die Erzeugung von Räumen. Der Mensch ist selbst ein räumliches Wesen. Er definiert sich über die Beziehungen zum Raum. Der umgebende Raum ist die erweiterte Leiblichkeit. Räume wirken immer auf Menschen. Sie vermögen es durch die Atmosphäre, die sie ausstrahlen, also durch etwas Nicht-Materielles, das doch vom Materiellen ausgeht, die Stimmung zu heben oder zu senken.

Valerio Olgiati meint, Raumwirkung sei objektivierbar. Ähnlich wie eine bestimmte Art von Musik ein bestimmtes Verhalten und bestimmte Emotionen erzeugt, verhält es sich auch beim Bauen. Es wird auch niemand anzweifeln, dass ein Filmregisseur nicht in der Lage sei, durch gekonnte Szenographie eine bestimmte Haltung beim Betrachtenden zu erzeugen. Gleiches gilt auch für das Gebaute. Ob ein Bauwerk Demut, Anmut, Respekt, Gelassenheit, Stille, Kommunikation, Kreativität oder sonstige Verhaltensweisen hervorruft, liegt zu einem guten Teil beim Entwurf und ist nach Valerio Olgiati auch nur sehr bedingt kulturbezogen: „Ein bestimmtes Ordnungssytem und eine konkrete Raumerfahrung“ beruhen „auf einem elementaren Empfindungsvermögen“. Eine gotische Kathedrale erfasst mit ihrer Raumwirkung nicht nur Angehörige einer bestimmten Kultur. Gleiches gilt für einen fernöstlichen Tempel.

Valerio Olgiati ist mit seinem Urteil klar: „Es ist falsch, dass die Objekt-Subjekt-Beziehung zwischen Gebäude und Bewohner nur im Kopf des wahrnehmenden Bewohners statthat“.

Ohne Sinn entstehe Banalität. Ganzheitlichkeit, die sinnlich erfasst wird, die kommuniziert, die auf uns einwirkt, entsteht nur aus einer von Anfang an gesetzten Idee: „Die Idee artikuliert etwas derart, dass man sich eine Form vorstellen kann“. Aus der Idee folgt folglich eine Form. Daraus ergibt sich eine Ordnung im Bauen. Aus der Idee, die sich in der Form materialisiert, ergibt sich in der Folge eine Wirkung und es entstehen Raumerfahrungen.

Dass Bauen elementar ist, bezieht sich auf den Umstand, dass wir durch das Bauen – der Philosoph Martin Heidegger hat die Gedanken ausgeführt – unseren Platz in der Welt definieren.

Bauen ist dann gut, wenn es eine Idee verkörpert, die uns anspricht: „Ein Gebäude kann noch so genial ausgearbeitet und technisch anspruchsvoll sein, es wird letztlich doch aufgrund seiner sinnstiftenden Fähigkeiten bestechen, weil sie es den Menschen ermöglichen, das Gefühl einer metaphysischen Obdachlosigkeit, das sie in der heutigen Welt häufig heimsucht, kreativ zu überwinden. Das ist der Grund, warum es nicht ausreicht, einfach eine Ordnung zu etablieren. Die Ordnung an sich generiert noch keinen Sinn“ [1].

Wesentlich ist aber auch und vor allem die „konstruktive Konsequenz“, damit das Bauwerk als Ganzes aufgefasst wird: „Es ist vollkommen unmöglich, eine kohärente architektonische Idee zu verfolgen, ohne das spezifische strukturelle Konzept eines Gebäudes zu kennen“. Olgiati erteilt folglich einem Bauen, das sich abseits der konstruktiven Konsequenz vollzieht und bei welchem das Tragwerk nur noch Beiwerk ist, zu Recht eine Absage. Das Tragwerk ist die Essenz. Und in diesem Sinne macht das Tragwerk den guten Entwurf erst aus.

Die Formel für ein Bauen, das seinen Namen verdient, ist für Olgiati: Idee – Ordnung – Bauwerk. In Ermangelung dieser Formel entstehen Gebäude, denen es an etwas mangelt, das essentiell ist: „An etwas Sinnstiftendem, das für das Leben der Menschen, ihre Träume und Wünsche, greifbar ist“. Eine Ordnung alleine, wie dies in vormoderner Zeit üblich und verbindlich war, ist zu wenig: „Die architektonische Idee muss etwas Konkretes im Leben eines Menschen erwecken. Ist ein Gebäude dann tatsächlich realisiert, so stiftet es durch die Empathie und kreative Interpretation des Betrachters auf schöpferische Weise Sinn“.

Valerio Olgiati bringt es auf den Punkt mit den Worten: „Architektur destilliert die Idee eines Lebens heraus und sublimiert sie auf die eine oder andere Weise. Ein Gebäude ist nicht die mechanische Umsetzung einer abstrakten Ordnung, sondern deren sinnstiftende Ausformulierung. Das Ziel dieser Sinnstiftung ist die Erweiterung der Möglichkeiten. Durch ein Gebäude nehmen wir das Leben physisch als eine Gestaltung und Erfahrung von Raum wahr – und auf diese Weise rückversichern wir uns des Lebens an sich“.

Valerio Olgiatis Architektur steht für sich. Sie ist souverän. Sie bedarf keiner Referenzen. Damit sind Souveränität und geistige Autarkie erreicht. Damit unterscheidet sich das geistige Werk von der Materialisierung einer Laune.

Weiterführende Beiträge:

Peter Zumthor und die Tiefe des Bauens

Persönlichkeiten: Mies van der Rohe

Neues Bauen in Südtirol

Le Corbusier und die Ingenieure

Valerio Olgiati im Netz: Link

Abbildung: Instagram Screenshot Valerio Olgiati

Literatur:

[1] Valerio Olgiati: „Nicht-Referenzielle Architektur”, Park Books, Zürich 2019

2 Kommentare zu „Valerio Olgiati und die „nicht-referenzielle Architektur“

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